Gleise über Grenzen: Der Grenzbahnhof Moldava / Moldau
Die Lebenserinnerungen von Adolf Branald schlagen eine faszinierende Brücke zwischen Böhmen und Sachsen. Die Bilddokumente führen zurück in die Blütezeit des einst strategisch und wirtschaftlich bedeutenden Grenzbahnhofs Moldava (Moldau) im Osterzgebirge: vom einstigen regen Güter- und Rangierbetrieb mit Dampflokomotiven über die Arbeit des Fahrdienstleiters bis hin zur heutigen, stillen Kulisse der Kammregion.
Auszug
Der Zug kämpfte sich hinauf auf das Hochplateau, gelbe Bodenleuchten tauchten auf und vermeldeten freie Einfahrt, erstaunlicherweise gab es mehr davon als ich erwartet hatte, woraus man auf die Weitläufigkeit der Gleise schließen konnte. Wir hielten an. Der Schaffner stieg aus dem Dienstwagen, rief mit gedämpfter Stimme Moldava! und verschwand. Statt in den Wald stieg ich auf einen menschen- leeren Bahnsteig, der überdacht und lang war wie der in Vršovice. Ich stand allein dort, über mir leuchteten wunderschöne runde Uhren, Zeichen einer Verkehrsdienststelle. Der Ausgang stand sperrangelweit offen, niemand stand dort, niemand durchschritt die Türen, irgendwo dahinter war der Wald, Wölfe und die Grenzlinie. Das gleichmäßige Stampfen einer müden Maschine war zu hören.
Auch die Türen der Verkehrsdienststelle standen weit offen, die Nacht war auch weit offen, warm, ohne Sterne, aber sie war überall. Ich hörte das vertraute Klopfen des Telegrafen, jemand kam aus dem Büro, bemerkte mich, blieb stehen, schaute eine Weile, als wollte er seinen Augen nicht trauen, drehte sich um und rief erleichtert und freudig in die offenen Türen: Er ist angekommen! Dann kam er zu mir, reichte mir die Hand und sagte: Wir sind seit einer Woche nur noch zu zweit. Am Donnerstag haben sie uns jemanden hierher geschickt, der ist im Zug sitzen geblieben und hat gewartet, bis er zurückfährt. Feigling.
Er war nicht groß, untersetzt und aus seinem freundlichen Gesicht strahlte Aufrichtigkeit. Ich wollte ihn nicht enttäuschen und sagte vorsichtig: — Ich bin nur vorübergehend hier. Sie erwarten mich unten.
Aber er hakte mich unter, führte mich hinein und versicherte mir unterwegs: — Das hat der Hlaváč auch behauptet, und er ist schon fünfzehn Jahre hier. Hier wird es dir gefallen. Du wirst sehen!
Dieses Buchprojekt wurde gefördert durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds – für ein lebendiges, gemeinsames Erinnern und den kulturellen Brückenschlag zwischen Sachsen und Böhmen.